Gedanken zu Zucht und Gesundheit (Niehof 2026)

Gedanken zu Zucht und Gesundheit (H. Niehof-Oellers August 2026)

Gesunde Hunde züchten – unser gemeinsames Ziel

Gesundheit entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis vieler verantwortungsvoller Zuchtentscheidungen, die über Generationen hinweg getroffen werden. Deshalb kommt der Fortbildung der Züchter in einer Zeit steigender gesellschaftlicher Erwartungen an Tiergesundheit und Tierschutz eine immer größere Bedeutung zu.

Ein Neuzüchterseminar kann hierfür nur die Grundlagen vermitteln. Lebenslanges Lernen ist heute in einer verantwortungsvollen Zucht ebenso selbstverständlich wie die Bereitschaft, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die züchterische Praxis einfließen zu lassen.

Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, sowohl die Hunde als auch ihre Menschen langfristig von einer gesundheitsorientierten Zucht profitieren zu lassen. Dazu müssen mitunter auch alte züchterische Pfade verlassen und neue Wege beschritten werden.

Genetische Vielfalt und Lebensdauer

Auch die Lebenserwartung kann Hinweise auf die Gesundheit einer Rasse geben. Ein gesunder Hund erreicht im Allgemeinen ein höheres Alter als ein Hund, der von einer oder mehreren Erkrankungen betroffen ist. Für die Lebenserwartung spielen neben Umwelt- und Haltungsbedingungen die genetische Ausstattung, rassespezifische Erkrankungen und züchterische Entscheidungen eine wesentliche Rolle.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 von McGreevy, O’Neill et al. mit 33.320 Labrador Retrievern beträgt das Durchschnittsalter (die mediane Lebensdauer) aller Labradors der Studie 12,0 Jahre, das der braunen Labrador Retriever hingegen nur 10,7 Jahre. Nach Auffassung der Autoren ist hierfür nicht die Fellfarbe selbst verantwortlich, sondern vermutlich der durch die Zucht auf die rezessive braune Fellfarbe eingeschränkte Genpool. Dieses Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll, wie eng die Zuchtentscheidung für ein Merkmal mit der genetischen Vielfalt verknüpft sein kann.

Die Geschichte der Rassehundezucht zeigt, dass eine Einengung des Genpools langfristig gesundheitliche Probleme begünstigen kann. So hat die Schließung der Zuchtbücher mit dem Ziel der Zucht auf „Reinheit“ bereits einige Rassen in die Sackgasse der genetischen Verarmung und hin zu einem Leben mit Qualen geführt. Eine zeitgemäße Ethik kann eine gesundheitsorientierte Neuausrichtung des Rassebegriffes erforderlich machen. Ziel zeitgemäßer Zucht sollte nicht nur der Erhalt rassetypischer Merkmale, sondern die genetische Vielfalt als Grundlage einer gesunden Population sein.

Gesetze und Vereinsvorschriften weisen den Weg vor: Die Gesundheit jedes einzelnen Hundes muss Vorrang vor der Erhaltung einzelner Rassemerkmale haben. Wenn ein Leben ohne Leiden nicht mehr möglich ist, muss eine Rasse u. U. ganz aufgegeben werden.

Für die Labradorzucht folgt für mich daraus, möglichst viele der noch vorhandenen Gene zu erhalten, bevor die züchterischen Handlungsmöglichkeiten zu stark eingeschränkt werden. Daher ist es so wichtig, den früher oftmals propagierten Weg zur Rassereinheit durch Linienzucht zu verlassen und einzelne Rüden nicht ohne Nachzuchtkontrolle deutlich häufiger als es für Hündinnen erlaubt ist, für die Zucht einzusetzen.

Wissenschaft als Grundlage zeitgemäßer Zucht

Die Molekulargenetik eröffnet durch die Entwicklung von Gentests neue Möglichkeiten, Hunde zu züchten, ohne das Einzeltierwohl zu gefährden und ohne den Genpool unnötig zu verkleinern. Der Molekulargenetiker Tosso Leeb warnt jedoch auch vor den Risiken einer falschen Anwendung von Gentests. In einer persönlichen Mitteilung empfiehlt er den Rassezuchtvereinen, Daten zur Häufigkeit bestimmter Gendefekte mit gesundheitlicher Bedeutung in einer Population zu sammeln und in einer Datenbank zu speichern und das auch, wenn es für die Untersuchung von Varianten keine Verpflichtung gibt. Auf Grundlage der erfassten Daten könnten rechtzeitig züchterische Maßnahmen ergriffen werden, mit denen solche unerwünschten Genotypfrequenzen langfristig gesenkt werden können. Nur durch die Erfassung der Daten könnten optimale Zuchtstrategien festgelegt werden, die regelmäßig aktualisiert werden sollten.

Eine geeignete Zuchtstrategie zur Bekämpfung von Merkmalen mit autosomal-rezessivem Erbgang ist der Einsatz von Gentests. Er ermöglicht durch Verpaarung der klinisch gesunden heterozygoten Tiere mit einem genetisch freien Partner diese in der Zucht zu behalten, ohne jedes Risiko für die Gesundheit jedes einzelnen entstehenden Hundes.

Deutlich anspruchsvoller ist die Entwicklung geeigneter und angemessener Zuchtstr tegien für Krankheiten mit dominantem Erbgang mit variabler Penetranz und Auswirkung und additiver Wirkung. Ein solch komplexer Erbgang kann dazu führen, dass die klinischen Symptome nicht bei allen Trägertieren gleichermaßen oder eindeutig in Erscheinung treten. Ein einziges Defektgen erhöht bereits das Risiko zu erkranken, zwei Gene der Mutation erhöhen das Risiko noch mehr; dennoch müssen nicht immer alle Hunde mit der Mutation zwangsläufig erkranken und auch Hunde, die diese Mutation nicht tragen, können erkranken. Als Beispiel kann die Kupferspeicherkrankheit des Labrador Retrievers angeführt werden, für die das kausale pathogene Gen ATP7B eindeutig identifiziert wurde. Die Krankheit wird jedoch zusätzlich von zum Teil noch nicht hinreichend erforschten Modulatoren und Umweltfaktoren beeinflusst. Eine Paarung der häufig vorkommenden Variante N/mut für ATP7B mit einem freien N/N Partner auf freiwilliger Basis ist beim jetzigen Stand der Forschung ein m. E. notwendiger erster Schritt auf dem Weg zu mehr Hunden ohne diese Mutation. Über eine Testpflicht für Zuchthunde als auch über eine Auflage für Hunde mit diesem Defektallel mit erhöhtem Krankheitsrisiko kann in einem 2. Schritt nachgedacht werden.

Ein weiteres Beispiel ist eine Mutation im POMC-Gen des Labrador Retrievers, die mit stärkerem Hungergefühl und einem erhöhten Risiko für Adipositas einhergeht. Für solche Merkmale müssen pauschale Zuchtausschlüsse nicht immer die Antwort sein. Die Beweiskraft der wissenschaftlichen Studien und die populationsbezogene Häufigkeitsdaten sollten bei der Entscheidung für einen Gentest als Zuchtstrategie berücksichtigt werden.

Die für die Probleme der Rasse passenden Zuchtstrategien (d. h. angemessen und wirksam) müssen den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft entsprechend regelmäßig aktualisiert werden. Entscheidend für die Gesundheit ist also nicht eine hohe Anzahl aller möglichen Gentests und die Einführung immer neuer Untersuchungspflichten, sondern die gesundheitliche Bedeutung der Krankheit, der Krankheitswert für den Hund. Immer aber muss sich die Entscheidung am Einzeltierwohl ausrichten und nicht am Rassebegriff. Wissen um die Krankheit und die Erfassung der Daten ist dabei immer der erste Schritt zur Bekämpfung der Krankheit.

Zuchtordnung als Orientierung

Die Zuchtstrategien müssen sich in einer zeitgemäßen Zuchtordnung wiederfinden. Auch die Zuchtordnung sollte regelmäßig überprüft und an den aktuellen Wissensstand angepasst werden. Sie enthält nicht nur verbindliche Regelungen, sondern sollte den Züchtern proaktiv Orientierung geben. Sowohl der Neuzüchter als auch der Welpeninteressent kann so anhand der Zuchtordnung frühzeitig Hinweise auf sich abzeichnende eventuelle zukünftige Probleme der Rasse erhalten.

Der DRC hat sich in der Vergangenheit schon mehrfach als Vorreiter für zeitgemäße Zuchtbestimmungen und gesundheitliche Entwicklungen gezeigt. So wurde schon in den 80er Jahren als Verhaltensbeurteilung die sogenannte Wesensprüfung nach Schweizer Muster auf freiwilliger Basis eingeführt. Eine Verhaltensbeurteilung ist heute eine der drei Mindestanforderungen für alle dem VDH angeschlossenen Vereine. Als erster Rassehundeclub in Deutschland hat der DRC 1992 das ED-Röntgen als Pflichtuntersuchung für Zuchthunde eingeführt (heute europaweit für viele Rassen eine Selbstverständlichkeit). Schon 1997 wurde als Hilfe für die Paarungsplanung bei polygenen Merkmalen die BLUP-Zuchtwertschätzung für HD, ED und die hereditäre Katarakt eingeführt.

Auch heute noch geht der DRC diesen proaktiven Weg. Nach den Informationen auf der DRC-Homepage besteht die Möglichkeit, Ergebnisse freiwilliger Gentests und weiterer gesundheitlich relevanter Untersuchungen in der DRC-Datenbank zu veröffentlichen.

Informationen dazu finden sich auf der DRC-Homepage unter ‚Voraussetzungen für den Zuchthund‘, ‚2. Gesundheitliche Aspekte.

Dort steht u.a.:

Die Ergebnisse dieser freiwilligen Untersuchungen und Gentests werden im Datensatz des untersuchten Hundes in der Datenbank auf dieser Homepage veröffentlicht und stehen so allen Züchtern für ihre Zuchtplanung jederzeit zur Verfügung.“

Diese Veröffentlichungen geschehen im Einklang mit der DSGVO nur mit einer freiwilligen widerruflichen Einwilligung des Eigentümers. Viele Züchter unterstützen und nutzen dieses Prinzip der freiwilligen Transparenz bereits.

Transparenz schafft Vertrauen

Gesundheit lässt sich nicht von einem Züchter allein und nicht ohne Informationen zu Hunden außerhalb der eigenen Zuchtstätte erreichen. Die Zucht gesunder Hunde ist auf die Zusammenarbeit aller Züchter angewiesen. Über Probleme der Rasse muss offen gesprochen werden und das nicht nur aus Gründen der Gewährleistung beim Verkauf bei Vorliegen von Mängeln. Welpeninteressenten informieren sich heute in aller Regel gut und wissen, dass keine Rasse völlig frei von erblichen Erkrankungen ist. Sie werden kaum einen perfekten Hund erwarten, jedoch verantwortungsvolle Züchter, die sich mit den gesundheitlichen Fragen ihrer Rasse auseinandersetzen und ihre Zuchtentscheidungen nachvollziehbar begründen. Offenheit schafft Vertrauen und schreckt nicht ab. Die freiwillige Veröffentlichung gesundheitlich relevanter Untersuchungsergebnisse ist daher für mich Ausdruck verantwortungsvollen Handelns und stärkt das Vertrauen zum Züchter.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Weitere Daten zur Gesundheit wird in Zukunft vermutlich auch das im Aufbau befindliche Gesundheitsmonitoring liefern, unterstützt durch die Daten der Tierversicherung Agria. Die Auswertungen der Agria für den Labrador Retriever basieren derzeit noch auf schwedischen Daten, in Zukunft können jedoch auch deutsche Daten ausgewertet werden. Auch die durch die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Tierschutz sowie das Engagement des Qualzucht-Evidenz Netzwerks (QUEN) erhaltenen Impulse müssen wir  wir Züchter nachdenken um eine zukunftsfähige Zucht und ein Leben ohne Leiden der von uns gezüchteten Hunde zu ermöglichen. Eine gesunde Zukunft lässt sich für unsere Rasse nur gemeinsam gestalten – durch Offenheit für neue Erkenntnisse, wissenschaftlich fundierte Entscheidungen, verantwortungsbewusstes Handeln und den konstruktiven Austausch aller Beteiligten.