﻿{"id":10171,"date":"2026-08-15T10:00:54","date_gmt":"2026-08-15T08:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/?p=10171"},"modified":"2026-08-15T10:00:54","modified_gmt":"2026-08-15T08:00:54","slug":"gedanken-zu-zucht-und-gesundheit-niehof-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/2026\/08\/15\/gedanken-zu-zucht-und-gesundheit-niehof-2026\/","title":{"rendered":"Gedanken zu Zucht und Gesundheit (Niehof 2026)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gedanken zu Zucht und Gesundheit <\/strong>(H. Niehof-Oellers August 2026)<\/p>\n<p><strong>Gesunde Hunde z\u00fcchten &#8211; unser gemeinsames Ziel<\/strong><\/p>\n<p>Gesundheit entsteht nicht zuf\u00e4llig. Sie ist das Ergebnis vieler verantwortungsvoller Zuchtentscheidungen, die \u00fcber Generationen hinweg getroffen werden. Deshalb kommt der Fortbildung der Z\u00fcchter in einer Zeit steigender gesellschaftlicher Erwartungen an Tiergesundheit und Tierschutz eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu.<\/p>\n<p>Ein Neuz\u00fcchterseminar kann hierf\u00fcr nur die Grundlagen vermitteln. Lebenslanges Lernen ist heute in einer verantwortungsvollen Zucht ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie die Bereitschaft, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die z\u00fcchterische Praxis einflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, sowohl die Hunde als auch ihre Menschen langfristig von einer gesundheitsorientierten Zucht profitieren zu lassen. Dazu m\u00fcssen mitunter auch alte z\u00fcchterische Pfade verlassen und neue Wege beschritten werden.<\/p>\n<p><strong>Genetische Vielfalt und Lebensdauer<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Lebenserwartung kann Hinweise auf die Gesundheit einer Rasse geben. Ein gesunder Hund erreicht im Allgemeinen ein h\u00f6heres Alter als ein Hund, der von einer oder mehreren Erkrankungen betroffen ist. F\u00fcr die Lebenserwartung spielen neben Umwelt- und Haltungsbedingungen die genetische Ausstattung, rassespezifische Erkrankungen und z\u00fcchterische Entscheidungen eine wesentliche Rolle.<\/p>\n<p>Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 von McGreevy, O&#8217;Neill et al. mit 33.320 Labrador Retrievern betr\u00e4gt das Durchschnittsalter (die mediane Lebensdauer) aller Labradors der Studie 12,0 Jahre, das der braunen Labrador Retriever hingegen nur 10,7 Jahre. Nach Auffassung der Autoren ist hierf\u00fcr nicht die Fellfarbe selbst verantwortlich, sondern vermutlich der durch die Zucht auf die rezessive braune Fellfarbe eingeschr\u00e4nkte Genpool. Dieses Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll, wie eng die Zuchtentscheidung f\u00fcr ein Merkmal mit der genetischen Vielfalt verkn\u00fcpft sein kann.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Rassehundezucht zeigt, dass eine Einengung des Genpools langfristig gesundheitliche Probleme beg\u00fcnstigen kann. So hat die Schlie\u00dfung der Zuchtb\u00fccher mit dem Ziel der Zucht auf \u201eReinheit\u201c bereits einige Rassen in die Sackgasse der genetischen Verarmung und hin zu einem Leben mit Qualen gef\u00fchrt. Eine zeitgem\u00e4\u00dfe Ethik kann eine gesundheitsorientierte Neuausrichtung des Rassebegriffes erforderlich machen. Ziel zeitgem\u00e4\u00dfer Zucht sollte nicht nur der Erhalt rassetypischer Merkmale, sondern die genetische Vielfalt als Grundlage einer gesunden Population sein.<\/p>\n<p>Gesetze und Vereinsvorschriften weisen den Weg vor: Die Gesundheit jedes einzelnen Hundes muss Vorrang vor der Erhaltung einzelner Rassemerkmale haben. Wenn ein Leben ohne Leiden nicht mehr m\u00f6glich ist, muss eine Rasse u. U. ganz aufgegeben werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Labradorzucht folgt f\u00fcr mich daraus, m\u00f6glichst viele der noch vorhandenen Gene zu erhalten, bevor die z\u00fcchterischen Handlungsm\u00f6glichkeiten zu stark eingeschr\u00e4nkt werden. Daher ist es so wichtig, den fr\u00fcher oftmals propagierten Weg zur Rassereinheit durch Linienzucht zu verlassen und einzelne R\u00fcden nicht ohne Nachzuchtkontrolle deutlich h\u00e4ufiger als es f\u00fcr H\u00fcndinnen erlaubt ist, f\u00fcr die Zucht einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Wissenschaft als Grundlage zeitgem\u00e4\u00dfer Zucht<\/strong><\/p>\n<p>Die Molekulargenetik er\u00f6ffnet durch die Entwicklung von Gentests neue M\u00f6glichkeiten, Hunde zu z\u00fcchten, ohne das Einzeltierwohl zu gef\u00e4hrden und ohne den Genpool unn\u00f6tig zu verkleinern. Der Molekulargenetiker Tosso Leeb warnt jedoch auch vor den Risiken einer falschen Anwendung von Gentests. In einer pers\u00f6nlichen Mitteilung empfiehlt er den Rassezuchtvereinen, Daten zur H\u00e4ufigkeit bestimmter Gendefekte mit gesundheitlicher Bedeutung in einer Population zu sammeln und in einer Datenbank zu speichern und das auch, wenn es f\u00fcr die Untersuchung von Varianten keine Verpflichtung gibt. Auf Grundlage der erfassten Daten k\u00f6nnten rechtzeitig z\u00fcchterische Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, mit denen solche unerw\u00fcnschten Genotypfrequenzen langfristig gesenkt werden k\u00f6nnen. Nur durch die Erfassung der Daten k\u00f6nnten optimale Zuchtstrategien festgelegt werden, die regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert werden sollten.<\/p>\n<p>Eine geeignete Zuchtstrategie zur Bek\u00e4mpfung von Merkmalen mit autosomal-rezessivem Erbgang ist der Einsatz von Gentests. Er erm\u00f6glicht durch Verpaarung der klinisch gesunden heterozygoten Tiere mit einem genetisch freien Partner diese in der Zucht zu behalten, ohne jedes Risiko f\u00fcr die Gesundheit jedes einzelnen entstehenden Hundes.<\/p>\n<p>Deutlich anspruchsvoller ist die Entwicklung geeigneter und angemessener Zuchtstr tegien f\u00fcr Krankheiten mit dominantem Erbgang mit variabler Penetranz und Auswirkung und additiver Wirkung. Ein solch komplexer Erbgang kann dazu f\u00fchren, dass die klinischen Symptome nicht bei allen Tr\u00e4gertieren gleicherma\u00dfen oder eindeutig in Erscheinung treten. Ein einziges Defektgen erh\u00f6ht bereits das Risiko zu erkranken, zwei Gene der Mutation erh\u00f6hen das Risiko noch mehr; dennoch m\u00fcssen nicht immer alle Hunde mit der Mutation zwangsl\u00e4ufig erkranken und auch Hunde, die diese Mutation nicht tragen, k\u00f6nnen erkranken. Als Beispiel kann die Kupferspeicherkrankheit des Labrador Retrievers angef\u00fchrt werden, f\u00fcr die das kausale pathogene Gen ATP7B eindeutig identifiziert wurde. Die Krankheit wird jedoch zus\u00e4tzlich von zum Teil noch nicht hinreichend erforschten Modulatoren und Umweltfaktoren beeinflusst. Eine Paarung der h\u00e4ufig vorkommenden Variante N\/mut f\u00fcr ATP7B mit einem freien N\/N Partner auf freiwilliger Basis ist beim jetzigen Stand der Forschung ein m. E. notwendiger erster Schritt auf dem Weg zu mehr Hunden ohne diese Mutation. \u00dcber eine Testpflicht f\u00fcr Zuchthunde als auch \u00fcber eine Auflage f\u00fcr Hunde mit diesem Defektallel mit erh\u00f6htem Krankheitsrisiko kann in einem 2. Schritt nachgedacht werden.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel ist eine Mutation im POMC-Gen des Labrador Retrievers, die mit st\u00e4rkerem Hungergef\u00fchl und einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr Adipositas einhergeht. F\u00fcr solche Merkmale m\u00fcssen pauschale Zuchtausschl\u00fcsse nicht immer die Antwort sein. Die Beweiskraft der wissenschaftlichen Studien und die populationsbezogene H\u00e4ufigkeitsdaten sollten bei der Entscheidung f\u00fcr einen Gentest als Zuchtstrategie ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Probleme der Rasse passenden Zuchtstrategien (d. h. angemessen und wirksam) m\u00fcssen den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft entsprechend regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert werden. Entscheidend f\u00fcr die Gesundheit ist also nicht eine hohe Anzahl aller m\u00f6glichen Gentests und die Einf\u00fchrung immer neuer Untersuchungspflichten, sondern die gesundheitliche Bedeutung der Krankheit, der Krankheitswert f\u00fcr den Hund. Immer aber muss sich die Entscheidung am Einzeltierwohl ausrichten und nicht am Rassebegriff. Wissen um die Krankheit und die Erfassung der Daten ist dabei immer der erste Schritt zur Bek\u00e4mpfung der Krankheit.<\/p>\n<p><strong>Zuchtordnung als Orientierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Zuchtstrategien m\u00fcssen sich in einer zeitgem\u00e4\u00dfen Zuchtordnung wiederfinden. Auch die Zuchtordnung sollte regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcft und an den aktuellen Wissensstand angepasst werden. Sie enth\u00e4lt nicht nur verbindliche Regelungen, sondern sollte den Z\u00fcchtern proaktiv Orientierung geben. Sowohl der Neuz\u00fcchter als auch der Welpeninteressent kann so anhand der Zuchtordnung fr\u00fchzeitig Hinweise auf sich abzeichnende eventuelle zuk\u00fcnftige Probleme der Rasse erhalten.<\/p>\n<p>Der DRC hat sich in der Vergangenheit schon mehrfach als Vorreiter f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00dfe Zuchtbestimmungen und gesundheitliche Entwicklungen gezeigt. So wurde schon in den 80er Jahren als Verhaltensbeurteilung die sogenannte Wesenspr\u00fcfung nach Schweizer Muster auf freiwilliger Basis eingef\u00fchrt. Eine Verhaltensbeurteilung ist heute eine der drei Mindestanforderungen f\u00fcr alle dem VDH angeschlossenen Vereine. Als erster Rassehundeclub in Deutschland hat der DRC 1992 das ED-R\u00f6ntgen als Pflichtuntersuchung f\u00fcr Zuchthunde eingef\u00fchrt (heute europaweit f\u00fcr viele Rassen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit). Schon 1997 wurde als Hilfe f\u00fcr die Paarungsplanung bei polygenen Merkmalen die BLUP-Zuchtwertsch\u00e4tzung f\u00fcr HD, ED und die heredit\u00e4re Katarakt eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Auch heute noch geht der DRC diesen proaktiven Weg. Nach den Informationen auf der DRC-Homepage besteht die M\u00f6glichkeit, Ergebnisse freiwilliger Gentests und weiterer gesundheitlich relevanter Untersuchungen in der DRC-Datenbank zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Informationen dazu finden sich <em>auf der DRC-Homepage unter &#8218;Voraussetzungen f\u00fcr den Zuchthund&#8216;, &#8218;<\/em>2. Gesundheitliche Aspekte<em>&#8218;<\/em>.<\/p>\n<p><em>Dort steht u.a.: <\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>Die Ergebnisse dieser freiwilligen Untersuchungen und Gentests werden im Datensatz des untersuchten Hundes in der Datenbank auf dieser Homepage ver\u00f6ffentlicht und stehen so allen Z\u00fcchtern f\u00fcr ihre Zuchtplanung jederzeit zur Verf\u00fcgung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Ver\u00f6ffentlichungen geschehen im Einklang mit der DSGVO nur mit einer freiwilligen widerruflichen Einwilligung des Eigent\u00fcmers. Viele Z\u00fcchter unterst\u00fctzen und nutzen dieses Prinzip der freiwilligen Transparenz bereits.<\/p>\n<p><strong>Transparenz schafft Vertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Gesundheit l\u00e4sst sich nicht von einem Z\u00fcchter allein und nicht ohne Informationen zu Hunden au\u00dferhalb der eigenen Zuchtst\u00e4tte erreichen. Die Zucht gesunder Hunde ist auf die Zusammenarbeit aller Z\u00fcchter angewiesen. \u00dcber Probleme der Rasse muss offen gesprochen werden und das nicht nur aus Gr\u00fcnden der Gew\u00e4hrleistung beim Verkauf bei Vorliegen von M\u00e4ngeln. Welpeninteressenten informieren sich heute in aller Regel gut und wissen, dass keine Rasse v\u00f6llig frei von erblichen Erkrankungen ist. Sie werden kaum einen perfekten Hund erwarten, jedoch verantwortungsvolle Z\u00fcchter, die sich mit den gesundheitlichen Fragen ihrer Rasse auseinandersetzen und ihre Zuchtentscheidungen nachvollziehbar begr\u00fcnden. Offenheit schafft Vertrauen und schreckt nicht ab. Die freiwillige Ver\u00f6ffentlichung gesundheitlich relevanter Untersuchungsergebnisse ist daher f\u00fcr mich Ausdruck verantwortungsvollen Handelns und st\u00e4rkt das Vertrauen zum Z\u00fcchter.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsam Verantwortung \u00fcbernehmen<\/strong><\/p>\n<p>Weitere Daten zur Gesundheit wird in Zukunft vermutlich auch das im Aufbau befindliche Gesundheitsmonitoring liefern, unterst\u00fctzt durch die Daten der Tierversicherung Agria. Die Auswertungen der Agria f\u00fcr den Labrador Retriever basieren derzeit noch auf schwedischen Daten, in Zukunft k\u00f6nnen jedoch auch deutsche Daten ausgewertet werden. Auch die durch die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Tierschutz sowie das Engagement des Qualzucht-Evidenz Netzwerks (QUEN) erhaltenen Impulse m\u00fcssen wir \u00a0wir Z\u00fcchter nachdenken um eine zukunftsf\u00e4hige Zucht und ein Leben ohne Leiden der von uns gez\u00fcchteten Hunde zu erm\u00f6glichen. Eine gesunde Zukunft l\u00e4sst sich f\u00fcr unsere Rasse nur gemeinsam gestalten \u2013 durch Offenheit f\u00fcr neue Erkenntnisse, wissenschaftlich fundierte Entscheidungen, verantwortungsbewusstes Handeln und den konstruktiven Austausch aller Beteiligten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zu Zucht und Gesundheit (H. Niehof-Oellers August 2026) Gesunde Hunde z\u00fcchten &#8211; unser gemeinsames Ziel Gesundheit entsteht nicht zuf\u00e4llig. Sie ist das Ergebnis vieler verantwortungsvoller Zuchtentscheidungen, die \u00fcber Generationen hinweg getroffen werden. Deshalb kommt der Fortbildung der Z\u00fcchter in einer Zeit steigender gesellschaftlicher Erwartungen an Tiergesundheit und Tierschutz eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu. Ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10171"}],"collection":[{"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10171"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10171\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10172,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10171\/revisions\/10172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/keienfenn.de\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}