Züchtermeinung

Interview mit H. Niehof aus Jahrbuch 1996 (Hrsg. Beate und Gereon Ting), S. 39-40

Glauben Sie, dass die heutigen Zuchtvorschriften zur Verbesserung der Rasse beitragen?

Die Selektion der Rasse anhand von HD-, ED-und Augenuntersuchungsergebnissen trägt sicher zur Verbesserung der Rasse im Hinblick auf deren Gesundheit bei; Statistiken beweisen das. Gesundheitsergebnisse-so wichtig sie auch sind-dürfen meiner Meinung nach aber nie isoliert gesehen werden, sondern immer nur im Zusammenhang mit der Rasse und deren Gesamtsituation. Zu starke Selektion auf ein Merkmal kann andere Probleme mit sich bringen, den Genpool unter Umständen zu stark einengen. Ausnahmen von den Zuchtvorschriften sollten immer möglich sein, wenn sie dem Wohl der Rasse dienen könnten. So halte ich auch eine Änderung der Zuchtbestimmungen in Hinblick auf die Zuchtverwendung von GPRA-Trägern für nützlich, sobald man die Träger durch die Molekulargenetik erkennen kann. Eine Paarung von Trägertieren mit genetisch freien ist unschädlich für die Nachkommen, die klinisch alle gesund wären und würde andere unter Umständen wertvolle Gene erhalten. Wesenstest, Formwertbeurteilung und Anlageprüfung halte ich für unbedingt tauglich, die Rasse zu verbessern. Die Beurteilung eines typischen Labradorwesens und -Aussehens unterliegt leider weitaus subjektiveren Kriterien als die tiermedizinischen Untersuchungen. Es kommt durchaus vor, dass ein und derselbe Hund von verschiedenen Richtern mit gut und vorzüglich bewertet wird. Mit Sorge sehe ich auch, dass es in Deutschland so gut wie keinen Richternachwuchs aus den Reihen der Labradorzüchter gibt, sodass überwiegend Allgemeinrichter darüber entscheiden, welche Hunde die Zuchterlaubnis erhalten.

Eine weitere Verschärfung der Zuchtvorschriften im Hinblick auf die Zähne, wie sie der VDH anstrebt, halte ich im Moment beim Labrador Retriever für schädlich. Schon in den frühen Jahren des DRC haben wir in mancher Hinsicht wertvolle Tiere für die Zucht verloren; ich erinnere an Timspring Stargazer, im Besitz der damaligen Zuchtwartin Frau Keldenich, eine der wenigen damals HD-freien Hündinnen, die wegen zwei fehlender Zähne in Deutschland nicht zur Zucht verwendet werden durfte. Die Anlageprüfung, wie sie zur Zeit noch praktiziert wird, kann ohne vorheriges Üben kaum bestanden werden. Über die vererbbaren Anlagen sagt sie daher nur bedingt etwas aus.

Wie schätzen Sie Wesen und Arbeitsanlagen der heutigen Labrador im Vergleich zum Standard ein?

Das Wesen hat sich nach meiner subjektiven Einschätzung seit 1970 allmählich negativ verändert. Ein Großteil der heutigen Labrador Retriever scheint weniger lernfähig, aufmerksam und anpassungsfähig. Viele Hunde sind über temperamentvoll und voller (innerer und äußerer) Unruhe, sie fallen zum Beispiel durch anhaltendes Hecheln und Bellen auf. Der „will to please“ hat vielfach nachgelassen. Etliche Hunde arbeiten, weil es ihnen gefällt, aber nicht in Zusammenarbeit mit ihren Führern. Lenkbarkeit und Bringtrieb haben oft nachgelassen; vor 25 Jahren brauchten sich auch Besitzer von Labrador Retrievern aus sogenannten Schaulinien keine Gedanken darüber zu machen, ob ein weiterer Apport zumutbar sei. Das Bringen war die größte Belohnung, kein „Muß“ sondern einen „Darf“. Die Fähigkeit, ausdauernd zu suchen und der Finderwille scheinen nachgelassen zu haben. Hunde mit hartem Maul werden häufiger gesehen. Die Forderungen des Standards freundlich, ohne Aggression und deutliche Scheue sowie Wasserfreudigkeit werden auch heute in der Regel noch erfüllt.

Welche Deckrüden haben Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren den größten Einfluss auf die Rasse genommen und warum?

Sandylands Mark (heute vertreten durch seinen Nachkommen Rocheby Royal Oak) und Charway Ballywillwill (bzw. sein Großvater Timspring Sirius). Sie finden sich in den Ahnentafeln von vielen heute auf Ausstellungen erfolgreichen Labrador Retrievern und haben dazu beigetragen, dass auch in den Schaulinien noch gutes Arbeitspotential vorhanden ist. Palgrave Edward und sein Sohn Swinbrook Tan, heute unter anderem vertreten durch Pocklea Remus und Heatherbank Alex of Tasco haben die Rasse sehr beeinflußt. Die Erfolge ihrer Nachkommen auf den Field Trials sprechen für sich. Auch Holdgate Willie und seinen Sohn Derryboy Daniel, unter deren Vorfahren sich neben F.T. Champions auf Champions befinden, halte ich für bedeutend.

Welche Entwicklungen der letzten Jahre werden Ihrer Meinung nach die Rasse beeinflussen?

Die Molekulargenetik.

Wer ist Ihr persönlicher Lieblings-Labrador und/oder entspricht am meisten am meisten ihrem Ideal?

Schon 1970 habe ich Sandylands Tandy auf Fotos bewundert. Leider kenne ich nur Kinder von ihm persönlich. Ballyduff Seaman, Poolstead Problem und Sandylands Geannie haben mich sehr beeindruckt, alles Hunde mit sanftem Ausdruck und viel Ausstrahlung. Zur Zeit ist Billy (Tibea Tosh) mein Ideal in Bezug auf Wiesen, Leistung und Aussehen.