Ein kleiner Rückblick

 

 

Aska und Kaya

Kaya (International Champion Owlcroft Helena) ist die Stammmutter des Zwingers vom Keien Fenn. Die Würfe A bis Y und der B2-Wurf gehen in direkter Linie auf sie zurück. Obwohl die Zuchtbestimmungen es damals nicht vorschrieben, war es für mich selbstverständlich, Kaya HD- Röntgen zu lassen. Natürlich hielt ich sie für gesund und klinisch war sie das auch, denn sie überwand spielend eine 1, 80 m hohe Kletterwand. Auf den Ausstellungen wurde häufig ihr gutes Gangwerk hervorgehoben. Ich fiel aus allen Wolken, als ich das Ergebnis erfuhr: mittlere HD. Für mich ging erstmal ein Traum zu Ende. Damals dachte ich züchterisch noch nicht so differenziert wie heute; noch wusste ich nicht, wie schwer die Hundezucht tatsächlich ist. Als später das HD- Röntgen als verbindliche Voraussetzung für die Zucht eingeführt wurde, stellte sich heraus, dass alle Zuchttiere im DRC – Labradors wie Golden – mittlere HD hatten. Hätten die Bestimmungen von Anfang an gegolten, so hätte in Deutschland die Zucht der Retriever gar nicht beginnen können.

 

 

Poolstead Purser

Da für mich eine weitere Hündin überhaupt nicht in Frage kam und der Wunsch zu züchten nicht zu unterdrücken war, kam ich nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss, dass es vielleicht doch vertretbar sein könne, einen Wurf zu machen, unter der Voraussetzung, dass der Rüde gute Hüften habe. Damals gab es nur zwei Deckrüden in Deutschland: Poolstead Purser (Timber) und International Champion Dorrfield Black Rumple. Obwohl Dorrfield Black Rumple auf der Ausstellung der Erfolgreichere war – Poolstead Purser war der ewig Zweite – gefiel mir Timber besser.
Wenn man sein Foto betrachtet, wird man feststellen, dass ich meinem Typ treu geblieben bin. Wer wird heute hinter diesem Foto einen Poolstead – einen Hund aus sogenannten reinen Schaulinien – vermuten. Die heutigen Poolsteads sehen nicht mehr so aus. Damals konnte man noch zu Recht behaupten, dass jeder Labrador arbeitet. Timber gehörte der Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein und sie hatte für meine Bitte, ihren Rüden HD- röntgen zu lassen, Verständnis. So war Timber dann der zweite Labrador in Deutschland, der auf freiwilliger Basis HD- geröntgt wurde. Das Ergebnis war gut und lautete verdächtig für HD (heute Grenzfall, fast normal oder B).

Nun wagte ich noch kurz vor Abschluss des Studiums meinen ersten Wurf. Für beide das erste Mal, klappte alles hervorragend. Timber tat es „aus Liebe“ wie Timbers Besitzerin sagte.
Damals gab es noch die unsinnige Vorschrift, nur sechs Welpen aufziehen zu dürfen. Kaya bekam sieben Welpen, einer davon starb bei der Geburt, so dass ich nicht in Gewissenskonflikte kam. Das neue Tierschutzgesetz gab mir später die Möglichkeit, meinen Antrag, alle Welpen großziehen zu dürfen, durchzubringen. Da ich in dieser Zeit gerade mein 3-monatiges Tierarztpraktikum in Emsbüren absolvierte, hatte ich Zeit, mich um den Wurf zu kümmern. Schon mit meinem ersten Wurf machte ich im Alter von sieben Wochen Ausflüge, auch ans Wasser und konfrontierte die Welpen mit optischen und akustischen Signalen. Einzeln nahm ich die Welpen aus dem Auslauf, um sie unabhängig von den anderen zu beurteilen. Damals gab es das Buch von Weid noch nicht und auch keine Welpenspielstunden, aber doch schon einen gesunden Menschenverstand. Im Alter von acht Wochen fuhr ich mit dem ganzen Wurf von Emsbüren nach Hannover. Dort lief an der Tierärztlichen Hochschule gerade ein Projekt zur Frühdiagnose der Hüftgelenksdysplasie. Es war mir ein Anliegen, dieses zu unterstützen. Für die Welpen war es eine weitere Erfahrung, noch im Familienverband, Neues kennenzulernen. Eine gelbe Hündin behielt ich gleich aus dem ersten Wurf für mich. Aska sollte der erste HD- freie Labrador Retriever im DRC werden.
Das Wesen war für mich schon damals am wichtigsten. Beim Schweizer Springer Spaniel und Retriever Club wurden damals bei den Retrievern schon Wesensprüfungen nach Professor Seiferle abgehalten. Hans-Rudolf Engelmann war maßgeblich an der Entwicklung des praktischen Teils beteiligt. Ich war davon begeistert und fuhr mit Aska in die Schweiz, um mit ihr daran teilnehmen zu können. Sie wurde von H.-R. Engelmann geprüft und bestand mit Bravour. Später nahmen auch die anderen Welpen des A-Wurfes an einer Wesensprüfung Schweizer Muster teil, denn nun wurde dieser zu Demonstrationszwecken auf freiwilliger Basis auch im DRC angeboten. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben seither praktisch alle Keien Fenns die Wesensprüfung mit Erfolg abgelegt.
Aska musste völlig unnötigerweise jung sterben. Der Jagdpächter hatte verbotenerweise mit Phosphor vergiftete Hühnereier direkt an den Wegesrand gelegt. Nach ihrem dritten Wurf sollte sie etwas abnehmen und fraß davon während eines Spaziergangs mit meinen Eltern.

Batjana 1 vom Keien fenn

Von Anfang an war es mir wichtig, dass meine Welpenkäufer mit den Hunden arbeiteten und schon damals habe ich manch einen für die Arbeit begeistern können. Ich wollte aber auch die Zucht dieser wunderbaren Hunde erhalten und dabei Fortschritte machen. Deshalb gab ich die Welpen gerne an potentielle Züchter ab. So kann ich heute sagen, dass mindestens jeweils ein Hund aus allen Keien Fenn Würfen in die Zucht eingegangen ist. Da ich selber nicht aus jedem Wurf einen Hund behalten konnte, dennoch aber jede Linie am Leben erhalten wollte, gab ich schon aus meinem zweiten Wurf zwei Welpen mit Zuchtrecht an sehr gute Freunde ab. Batjana 1, dreifache Clubsiegerin, ging an Bernd Breuelmann. Sie ist die Mutter von International Champion Grog vom Keien Fenn (Besitzer D. Isabella Kraft). Aus dem C-Wurf bekam mein Bruder eine Hündin. Als ich für Cita trotz des Formwertes „sehr gut“ auch bei der zweiten Vorstellung keine Zuchtzulassung bekam (diese erhielt ich erst durch Intervention von H.-R. Engelmann durch einen Vorstandsbeschluss vom 22.10.1977), entschloss ich mich, mit Kaya im Alter von sieben Jahren noch einen zweiten Wurf zu machen. Cita wurde später unter einer englischen Richterin ebenfalls Clubsieger mit dem Formwert „verzüglich“.

Inka vom Keien Fenn 17.5.79 – 21.1.90

Der Tod von Aska aber machte mir sehr zu schaffen. Da ich mittlerweile arbeitete, hatte ich aber nicht genügend Zeit, um einen Welpen großzuziehen. Das taten dann meine Eltern für mich, denn sie hatten erkannt, dass ein neuer Hund das richtige Heilmittel für mich war. Deshalb behielten sie aus dem Wurf mit Cita und Sandylands Strinesdale O´Malley eine gelbe Hündin. Inka sah ich anfangs nur am Wochenende, holte sie aber, als sie etwas älter war, zu mir. Auch Inka hatte drei Würfe, aus ihrem letzten behielt ich Norma. Der N-Wurf war der letzte Wurf, der im Emsland aufgezogen wurde.

Meine Ergebnisse in der Zucht (Wesen, Leistung und Gesundheit, z.B. HD und die Ergebnisse der Augenuntersuchungen, denn schon damals ließ ich auch ohne Zuchtvorschrift die Augen meiner Hunde untersuchen) waren gut. Nun glaubte ich, meine Linie so gut zu kennen, um eventuell auch etwas enger züchten zu können. Damals wurde noch unumstritten die Linienzucht propagiert. Aber jetzt trat völlig unerwartet ein neues Problem auf, das meine ganze Zucht in Frage zu stellen schien. In meinem dreizehnten Wurf erkrankte ein Hund schwer an OCD. Ich war wie gelähmt und glaubte mich am Ende. Denn ich spürte, dass es sich um ein genetisches Problem handeln müsse. Nach langem Nachdenken und einer Pause in der Zucht kam ich zu dem Schluss, dass ich der Rasse nicht nutze, wenn ich aufhörte, zu züchten. Ich wollte versuchen, die Krankheit zu bekämpfen. Schließlich hatte ich mit einer Hündin mit mittlerer HD angefangen und hatte nun überwiegend gute HD-Ergebnisse. Ich wollte erst einmal eine Bestandsanalyse durchführen und fertigte auf meine Kosten von jedem Labrador, dessen Besitzer mir die Erlaubnis dazu gab, sechs Röntgenaufnahmen von Sprung- und Ellenbogengelenken an. Über 300 Hunde wurden in meiner Praxis geröntgt und die Aufnahmen zunächst von mir ausgewertet. Später nahm ich Kontakt zu Lars Audell in Schweden auf und liess die Röntgenaufnahmen meiner Hunde von ihm auswerten. Auch meine Kaya konnte ich noch röntgen und ihre Gelenke waren einwandfrei. Es stellte sich heraus, dass das Problem in der Labradorpopulation beträchtlich war und die Hunde zum Teil – anders als bei HD – erhebliche Probleme hatten. Unter anderem durch Artikel und Aufrufe in der vereinseigenen Zeitschrift wurde das Problem auch anderen bewusst und man trat an mich mit dem Wunsch heran, auch Röntgenaufnahmen weiterer Hunde in Schweden auswerten zu lassen. Ich entwarf das Formular, das auch heute noch vom DRC benutzt wird. Dort ist auch die Stufe Grenzfall vorgesehen, da einige Hunde mit dieser Bewertung aus Schweden zurückkamen. Erst später – als Mitglied der International Elbow Working Group (IEWG) erfuhr ich, dass diese Stufe in der internationalen Beurteilung nicht vorgesehen war. Da verschiedene Erkrankungen zu Sekundärarthrosen führten, wurde das Problem von mir analog zu HD mit dem bereits geläufigen Namen ED belegt. Ich erstellte und veröffentlichte die ersten Statistiken. Es dauerte aber noch einige Zeit bis das ED-Röntgens nach viel Widerstand und einigem Hin und Her endlich Pflichtvoraussetzung für die Zucht wurde. Schon früher hatte ich es in verschiedenen Anläufen geschafft, dass der Wesenstest und später die jährlichen Augenuntersuchungen Pflichtuntersuchungen für Zuchthunde wurden. Durch das Einführen des ED- Röntgen habe ich mich zwar nicht überall beliebt gemacht, aber es ist sicherlich das Wichtigste, was ich für unsere Labradors geschafft habe. Erst viele Jahre später wurde im NLV ein ähnliches Projekt durchgeführt, nur dass in diesem Fall der Club die Finanzierung des Röntgens von etlichen hundert Hunden übernahm, um eine Bestandsanalyse durchzuführen.

Ich hatte mich zwar entschlossen, weiter zu züchten, suchte aber nach neuen Wegen, indem ich meine Hunde mit solchen aus Arbeitslinien paarte. Der erste dieser Versuche 1987 schlug aber fehl, weil der Rüde noch zu unerfahren war. Ich wollte nicht die Leistung durch diese Outcrosses aufbessern, da meine Hunde nach wie vor gut arbeiteten, sondern hoffte, dadurch weniger Probleme mit ED zu haben. Allerdings war ich mit dem Aussehen der von mir gezüchteten Hunde nicht mehr immer zufrieden. Ein Teil war für meinen Geschmack zu massig. Ich versuchte, die Uhr zurückzudrehen, indem ich auf Rüden aus meinem eigenen Zwinger zurückgriff, z.B. Piera vom Keien Fenn (Besitzer Bernd Breuelmann) mit Halifax vom Keien Fenn paarte oder auf alte dänische Linien zurückgriff (Ojoea und Gregobaloo). Den alten Typ und den sanften Gesichtsausdruck wollte ich unbedingt erhalten. Aber ich allein konnte den Trend nicht aufhalten. Das Aussehen veränderte sich mehr und mehr, die Hunde wurden immer schwerer, zum Teil änderte sich auch das Wesen. Labradors waren nicht mehr per se leicht erziehbar und immer bereit, für den Führer zu arbeiten, manche apportierten nicht einmal mehr. Mit N´debele Zibet (Bele) holte ich für meinen Bruder – nach Kaya zum ersten Mal – wieder einen Hund aus England. In ihrer Ahnentafel sind auch Arbeitslinien enthalten. Ihre Eltern entsprachen dem alten Typ. Bele paarte ich mit Leicester vom Keien Fenn und behielt die einzige Hündin aus diesem Wurf, Wanda.
Auch als 1993 Billy von mir nach Deutschland geholt wurde, gab es zunächst nur Outcrosses. Den Z-Wurf mit Billy und Bele nannte ich meine Nullrunde. Mit zwei englischen Importen hatte ich meine Zucht begonnen und mit zwei englischen Importen beendete ich das erste Alphabet.

Einflussreiche Field Trial Champions FTCh. Ben of Mallowdale, FTCh. Swinbrook Twig, Symington Coral und FTCh. Tibea Tosh (v.l.n.r.) Foto: Vreni Ommerli

Nun aber war ich auf den Geschmack gekommen. Die Labradors aus Arbeitslinien faszinierten mich und es ließ sich auch nicht mehr übersehen, dass die Labrador Retriever aus Schaulinien arbeitsmäßig bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr mithalten konnten. Nun wollte ich einen Wurf aus reinen Arbeitslinien züchten. Da Billy mittlerweile schon recht alt war, wollte ich auf Nummer Sicher gehen und eine erwachsene Hündin, die bereits geröntgt war, aus England holen. Da traf es sich gut, dass Freunde aus dem Emsland, die Familie Leferink, die schon aus meinem N-Wurf eine Hündin von mir bekommen hatten, Bedarf anmeldeten und aus privaten Gründen besser einen erwachsenen Hund gebrauchen konnten. Ich selbst hätte damals einem weiteren Hund nicht gerecht werden können. So kam Holly (Birdrowe Candy) mit gut einem Jahr zu uns und begründete mit Billy und dem A2-Wurf meine neue Linie. Der Hündin aus diesem Wurf, die ich behielt, gab ich den Namen Alpha, denn für mich war es ein Neuanfang. Mit meinem B2-Wurf (Wanda X Vasco vom Keien Fenn) wollte ich noch einmal beweisen, dass es möglich ist, Hunde zu züchten, die gut arbeiten und auch sehr gut aussehen. Das ist nach wie vor mein Ziel und ich bin froh, dass mir dieses auch in den reinen Arbeitslinien oft genug gelingt. Mittlerweile haben sich in verschiedenen Würfen meine alte und meine neue Linie gemischt. So hoffe ich, dass aus beiden Linien sich die Besten behaupten werden.